Cannabis in der Schmerztherapie: Hoffnung oder Hype?
Chronische Schmerzen betreffen Millionen Menschen weltweit und stellen sowohl für Patienten als auch für das Gesundheitssystem eine enorme Herausforderung dar. In den letzten Jahren hat die Anwendung von medizinischem Cannabis als potenzielles Schmerzmittel stark an Interesse gewonnen. Seit der Legalisierung im Jahr 2017 können in Deutschland Patienten mit bestimmten schweren Erkrankungen Cannabis auf Rezept erhalten. Doch wie wirksam ist diese Therapie wirklich? Und welche Risiken sind damit verbunden? Dieser Artikel beleuchtet die Faktenlage, geht auf wissenschaftliche Studien ein und erklärt, wann der Einsatz von Cannabis in der Schmerztherapie sinnvoll sein kann.
Wie wirkt Cannabis gegen Schmerzen?
Cannabis sativa, die Heilpflanze, enthält über 100 verschiedene Cannabinoide. Die beiden prominentesten sind:
- Tetrahydrocannabinol (THC): Hauptsächlich verantwortlich für die psychoaktive Wirkung. Es bindet an CB1-Rezeptoren im Gehirn und beeinflusst dort Schmerzwahrnehmung, Stimmung und Appetit.
- Cannabidiol (CBD): Nicht psychoaktiv und bekannt für seine potenziell angstlösenden, entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften. CBD agiert indirekt auf das Endocannabinoid-System und könnte dadurch die Nebenwirkungen von THC mildern.
Das Endocannabinoid-System des menschlichen Körpers spielt eine zentrale Rolle bei der Schmerzregulation. Es besteht aus Rezeptoren (CB1 und CB2), die von körpereigenen Cannabinoiden aktiviert werden. Exogene Cannabinoide, wie THC und CBD, können diese Rezeptoren ebenfalls beeinflussen und dadurch eine schmerzlindernde Wirkung entfalten.
Kann Cannabis wirklich bei chronischen Schmerzen helfen?
Neuropathische Schmerzen: Hoffnung auf Linderung?
Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn das Nervensystem selbst geschädigt ist oder nicht richtig funktioniert. Studien zeigen, dass Cannabis hier eine mäßige Schmerzlinderung bewirken kann. Eine große Auswertung von 25 Studien mit insgesamt 1837 Patienten ergab, dass einige Patienten davon profitieren, aber der Nutzen insgesamt begrenzt ist.
Die Ergebnisse variierten stark, je nachdem welches Cannabisprodukt verwendet wurde – zum Beispiel THC/CBD-Kombinationen, reines THC oder medizinischer Hanf.
Hilft Cannabis bei rheumatischen Schmerzen?
Bei rheumatischen Erkrankungen wie Arthritis und Fibromyalgie sind die Belege für die Wirksamkeit von Cannabis schwach. Eine Auswertung von vier Studien mit 160 Patienten konnte keinen klaren Vorteil gegenüber einem Scheinmedikament (Placebo) zeigen. Die Forscher betonen, dass bessere Studien notwendig sind, um die Wirksamkeit in diesem Bereich sicher beurteilen zu können.
Tumorschmerzen: Eine sinnvolle Ergänzung?
Tumorschmerzen sind oft besonders schwer zu behandeln, da sie sowohl durch Entzündungen als auch durch Schädigungen von Nerven entstehen können. Zwei Studien mit insgesamt 307 Patienten untersuchten die Wirkung von THC/CBD-Sprays als Zusatz zu opioidhaltigen Schmerzmitteln. Die Ergebnisse zeigten, dass Cannabis eine positive Schmerzreduktion bewirken kann. Allerdings traten auch hier Nebenwirkungen wie Schwindel oder Müdigkeit häufiger auf.
Kann Cannabis bei Bauchschmerzen helfen?
Viszerale Schmerzen, also Schmerzen, die von den inneren Organen ausgehen, wurden in einer Studie mit 21 Patienten untersucht, die an Morbus Crohn litten. Die Patienten berichteten von einer leichten Besserung der Bauchschmerzen und einer Verbesserung des Appetits. Allerdings waren die Ergebnisse statistisch nicht eindeutig, sodass weitere Studien notwendig sind, um den Nutzen zu belegen.
Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?
Wie bei jeder medikamentösen Therapie sind auch bei der Behandlung mit Cannabis Nebenwirkungen möglich:
- Häufige Nebenwirkungen: Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen und Mundtrockenheit.
- Psychiatrische Nebenwirkungen: THC kann Angstzustände, Depressionen und in seltenen Fällen Psychosen auslösen. Patienten mit einer entsprechenden Vorgeschichte sollten daher besonders sorgfältig überwacht werden.
- Toleranzentwicklung und Abhängigkeit: Bei langfristiger Einnahme kann es zu einer Toleranzentwicklung kommen, sodass höhere Dosen erforderlich werden. Obwohl das Abhängigkeitspotenzial von medizinischem Cannabis als gering eingestuft wird, sollte dieses Risiko nicht unterschätzt werden.
Ein Drittel der Patienten bricht die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen ab. Daher ist es wichtig, die Behandlung individuell anzupassen und mögliche Risiken gegen den Nutzen abzuwägen.
Warum empfehlen Fachgesellschaften Cannabis nur als Drittlinientherapie?
Die Anwendung von medizinischem Cannabis wird von verschiedenen Fachgesellschaften unterschiedlich bewertet. Die kanadische Hausarztleitlinie empfiehlt Cannabis bei neuropathischen Schmerzen als Drittlinientherapie, das heißt, erst nachdem etablierte Therapieoptionen versagt haben.
Fazit: Cannabis durchaus als sinnvolle Ergänzung bei speziellen Schmerzarten
Cannabis ist kein Allheilmittel, aber es kann in bestimmten Fällen eine sinnvolle Option darstellen. Besonders bei neuropathischen Schmerzen wie bei diabetischer Neuropathie oder Multipler Sklerose zeigt es eine moderate Wirksamkeit, wenn etablierte Therapien nicht ausreichen. Auch bei Tumorschmerzen, vor allem als Add-on zu Opioiden, kann es die Schmerzreduktion unterstützen. Erste Hinweise auf Wirksamkeit gibt es zudem bei viszeralen Schmerzen wie bei Morbus Crohn.
Darüber hinaus wird Cannabis häufig bei Schlafstörungen eingesetzt, die mit chronischen Schmerzen einhergehen. Studien zeigen, dass es sowohl die Einschlafzeit verkürzen als auch die Schlafqualität verbessern kann. Dennoch sollten mögliche Nebenwirkungen, wie Müdigkeit und psychische Beeinträchtigungen, stets berücksichtigt werden.
Zusammenfassend bietet Cannabis in ausgewählten Indikationen echte Vorteile, sollte aber immer individuell und unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden. Weitere Studien sind notwendig, um seine Rolle in der Schmerztherapie besser zu definieren.
Quellen:
- Häuser W., Petzke F. „Evidenz der Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabispräparaten bei chronischen Schmerzen.“ Bundesgesundheitsblatt 2019.
- Chrubasik-Hausmann S. „Zur klinischen Wirksamkeit von Präparaten aus dem Hanf.“ Universitätsklinikum Freiburg.
- Patienteninformation: „Cannabis aus medizinischen Gründen.“ Kassenärztliche Bundesvereinigung.